Ägypten ist grau

Was soll man nur davon halten? Es ist ja zunächst einmal so: Ein Land, Ägypten, dem Demokratie zunächst fremd war, schafft sich die Gelegenheit, das erste Mal einen Präsidenten demokratisch zu wählen. Es wählt Mohammed Mursi, ein Mitglied der s.g. „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei„, die starke Verbindungen zu den Muslimbrüdern, einer islamistischen Gruppierung, hat.

Doch nach etwa einem Jahr ist das Volk  unzufrieden mit ihm und protestiert in Massen, es mag Mursi nicht  mehr leiden und möchte ihn abgesetzt sehen. Das Militär leistet dem Folge, arretiert ihn und eine Übergangsregierung wird installiert. Doch die Anhänger des nun Ex-Präsidenten protestieren nun ihrerseits und das Ganze artet in Gewaltexzesse aus. In den Medien erfährt man meistens vom brutalen Vorgehen der ägyptischen Sicherheitskräfte gegen die Anhänger Mursis.

Welcher Seite soll man nun Zustimmung zollen? Den Muslimbrüdern und ihren Anhängern, die mit ansehen mussten, wie ein demokratisch gewählter Präsident vom Militär in putschartiger Manier vom Amt enthoben wurde? Oder denen, denen die Art und Weise der Regierung nicht säkular genug war, denen zuwider war, wie dogmatische Glaubenssätze des Islam Grundlage des politischen Handelns wurden, die am eigenen Leib spüren mussten, was es bedeutet, wenn die Vernunft religiösem Fanatismus Platz machen muss?

Und: Kennen wir das nicht eigentlich auch, wenngleich vielleicht auch nur aus Geschichtsbüchern? Wie viele Kämpfe, wie viele Opfer hat es gebraucht, bis wir so weit waren, wie wir jetzt sind (wie weit auch immer das sein mag)? Wie viel Zeit hat es gebraucht? Waren es nicht Jahrhunderte? Welches Tempo aber verlangen wir jetzt den diversen nordafrikanischen Nationen ab, wo der s.g. arabische Frühling doch quasi eben erst begonnen hat?

Wir sind zurecht erschrocken über die Gewalt, die zur Zeit in Ägypten herrscht, und wir fragen uns wie immer in solchen Situationen: Hätte es nicht andere Wege gegeben? Doch diese Gewalt verstellt in meinen Augen den Blick auf das Wesentliche: Es versucht sich in Ägypten gerade eine Gesellschaft von einer Art von Politik zu befreien, die auf religiösen Dogmen basiert und welche aus diesem Grund schlicht nichts taugen kann.

Ägypten ist eine Enttäuschung für alle, die es gerne in schwarz und weiß unterscheidbar hätten. Und in der Tat bleiben zur Zeit viele Fragen offen, wie etwa die, welche Rolle eigentlich das ägyptische Militär da eigentlich spielt.

Aber im Laufe der Geschichte ist es schon oft so gewesen, dass eine entsprechende Färbung erst im Nachhinein gegeben werden konnte, nicht wahr?

Kategorie(n): Allgemein, Gesellschaft, Glauben und Religion, Politik
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2 Antworten auf Ägypten ist grau

    Klaus Schuster sagt:

    DAS ist eben die Frage, ob diejenigen, die gegen Mursi auf die Straße gegangen sind, (- und die meinem Demokratieverständnis näher stehen -) wirklich die Mehrheit des ägyptischen Volkes repräsentieren.

    Und ob sie – Mehrheit oder nicht – berechtigt sind, einen demokratisch gewählten Präsidenten einfach abzusetzen.

    Stimmt – die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Es gehört zwar zu den demokratischen Spielregeln, ein Wahlergebnis zu akzeptieren, auch wenn es noch so schwer fällt – aber was ist, wenn die demokratisch gewählte Regierung sich gleich daran macht, demokratische Spielregeln zu verletzen und die Machtstrukturen im Land unter Missachtung rechtsstaatlicher Gepflogenheiten in seinem Sinne zu verändern – so, wie es in Ägypten passierte?!

    Demokratie – das ist eben mehr als freie Wahlen: Dazu gehören auch Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Glaubensfreiheit, Gleichberechtigung etc. . Und jetzt stellt sich mir die Frage: Ist es richtig, zuzusehen, wie eine demokratisch gewählte Regierung so peu à peu die Demokratie abschafft?

    Irgendwie fällt mir dazu gerade eine Zahl ein: 1933.

    Ist das ägyptische Militär in der Lage, rechtsstaatliche Verhältnisse wiederherzustellen? Skepsis ist angebracht.

    Vordringlich wäre, zuerst einmal die Gewalt im Land zu stoppen!

    • Ja, Ähnlichkeiten zu 1933 sind unverkennbar.

      Es kommt hinzu, das Wahlen durchgeführt wurden, bevor es eine Verfassung gab. Es ist auch nicht wie in etablierten Demokratien ein Mechanismus installiert gewesen, eine Regierung gewaltfrei absetzen zu können.

      Und ja, auch meinem Demokratieverständnis sind die Menschen, die gegen Mursi auf die Straße gegangen sind, näher.

      Alles nicht so einfach . . .

      . . . grau eben.